Buchtipps zur Architektur
Worauf wir bauen - Begegnungen mit Architekten
© Prestel Verlag
Hanno Rauterberg
Worauf wir bauen - Begegnungen mit Architekten
Geb., 157 Seiten, zahlr. farb. Abb.
ISBN 978-3-7913-4014-2
Prestel Verlag, sofort lieferbar
"Heute gibt es kaum noch vernünftige Handwerker mehr, und wenn gebaut wird, dann sind es meist nur noch Renditeobjekte. So sehen die Gebäude dann eben auch aus." Bereits auf Seite 31 begegnet der Leser diesen markanten Worten von Günter Behnisch, dem Grand Segnieur der transparenten Baugestaltung. Diese Direktheit zeichnet alle Interviews aus. Wer denkt, dieses sei "nur" ein weiteres Buch über globalschaffende Stararchitekten, der wird eines Besseren belehrt. Der "Baumeister" hat ausgedient. Angesichts knapper werdender Rohstoffe, sind nachhaltige Baukonzepte gefragt, die Teamplayer erfordern, keine über allem schwebenden Baukünstler. Architekten haben endlich wieder eine (gesellschaftliche) Aufgabe.
In seinem jetzt vorliegenden Interviewband versammelt der renommierte ZEIT-Kritiker Hanno Rauterberg viele Antworten, die man so sicherlich nicht von weltweit umgarnten Architekten vermutet hätte. Ästhetik spielt nach wie vor eine Rolle, wie könnte es auch anders sein. Hinzugekommen in die Reflektion über Sinn und Zweck von Architektur im 21. Jahrhundert ist ein weiterer Aspekt, der bis vor kurzem nur eine geringe Rolle spielte: die Frage der ökologischen und damit auch ökonomischen Funktionsweise des Objektes. Zu der gestalterischen Frage, wie ein Gebäude aussehen soll, ist die Frage nach der effizienten und Resourcen schonenden Gebäudetechnik hinzugetreten. "Wir brauchen neue intelligente Materialien, ein neues Glas zum Beispiel, das nicht nur gut isolierend wirkt, sondern auch noch wie eine Solarzelle funktioniert (...)", sagt Norman Foster, der bereits viele effiziente Materialien verwendet hat und damit einer der Vorreiter der nachhaltigen Architektur ist. Der 1925 geborene Frei Otto geht gar von einer "mobilen Stadt" aus, in der die Menschen zukünftig leben und arbeiten. "In 50 Jahren werden Mobilheime selbstverständlich sein". Keine so fremde Vorstellung für unser Leben, das bereits heute vom Unterwegs sein bestimmt ist.
Dem Interviewer ist es gelungen, den Architekten praktische Ansätze zu entlocken statt Visionen. Außerdem regen die Fragen und Antworten den Leser zum Weiterspinnen an, eben weil sie keine utopischen Fantastereien sind, sondern nachvollziehbare Möglichkeiten. "Ein guter Architekt ist immer Entwicklungshelfer, ein Hausarzt, jemand, der den Menschen nicht ein Gebäude verordnet, sondern ihnen hilft, sich eine passende Unterkunft zu bauen", sagt Frei Otto an späterer Stelle. Denkt man an die vergangenen Jahrzehnte, haben das viele Städtebauer sichtbar vernachlässigt. Über großflächige Abrißaktionen wird in manchen Kommunen aktuell nachgedacht, angesichts vieler maroder und damit unrentabler Hochhausbauten, die niemand mehr bewohnen will und wird.
Nach der Lektüre stellt man fest, dass sich der Beruf des Architekten in einer Umbruchphase befindet. Er ist weniger Künstler, mehr Dienstleister; er ist nicht Gestalter, sondern setzt ein (nachhaltiges) Baukonzept um. Ob er "nur" Dienstleister ist, wie Peter Zumthor beklagt, ist fraglich. Schließlich haben es auch Architekten mit ihren (Dienst-) Leistungen in der Hand, für eine ansprechende, nachhaltig wirtschaftende Wohn- und Lebenswelt zu sorgen. Zum Wohle der Menschen, der Natur und letztendlich einer sozial verträglichen Gesellschaft. Zu viel der Aufgaben für die Architekten? Dann sollte sich jeder umschauen, sich fragen, was ihn umgibt? Richtig, unser Leben ist umgeben von Architektur. Wenn das kein Grund ist, den Architekten in die Zeichnungen zu schauen und in dem Buch "zuzuhören".
Quelle: BVEW-Onlinemagazin 11/2008, Dagmar Hotze