Ökologische Sanierung ist wie eine Waagschale
Der Baubiologe und Bauberater Michael Fischer über ökologische und energetische Gebäudesanieurng als ganzheitliche Aufgabe.
Baubiologe Michael Fischer
Kein Tag vergeht ohne Meldung, wie und wo der Verbraucher Energie einsparen kann. Der Der Sparzwang scheint zum Diktat
zu werden, betrachtet man die Preisentwicklung für Öl, Gas und Strom. Für Experten, die seit 30 Jahren in dem Thema zuhause sind, kein Wunder. Sie haben lange gemahnt, umzudenken. Denn sowohl im
industriellen wie im privaten Bereich besteht ein erhebliches Einsparpotenzial - packt man es nur richtig an.
Der Baubiologe und Bauberater kdR (kontrollierte, deklarierte Rohstoffe) Michael Fischer, der sich seit Jahrzehnten mit gesundem Bauen und Wohnen beschäftigt, weiss, wie man energetische Bau- und Sanierungsmaßnahmen so angeht, dass sie sinnvoll sind für Mensch und Haus. Die aktuellen Bemühungen der Politik, z. B. mittels Energieausweis Anreize für Häuslebauer und -besitzer zu schaffen, um in Modernisierungsmaßnahmen zu investieren, sieht er positiv. Allerdings sind etliche der jetzt propagierten Ansätze zur Ressourcenschonung nicht weitgehend durchdacht. Hektik bestimmt den Ablauf, statt ruhiger Abwägung. Er befürchtet daher, dass viele geförderte Maßnahmen sinnlos verpuffen.
Energieausweis noch nicht akzeptiert
Herr Fischer, mit der Einführung des Energieausweises versucht der Gesetzgeber die Bürger dahingehend zu sensibilisieren, dass sie Wohngebäude energetisch sanieren lassen. Wie schätzen Sie die Akzeptanz dieses Instruments ein?
Die Einführung des Energieausweises ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber eine Akzeptanz wird es frühestens in drei bis fünf Jahren geben. Vor allem kommt es darauf an, den bedarfsorientierten Energieausweis als den Standardausweis einzuführen. Sonst macht es keinen Sinn. Man muss da auch unterscheiden. Handelt es sich um Leute, die neu bauen wollen oder handelt es sich um Bestandsgebäude. Den Bestand wird auch der Energieausweis nur schwer erreichen. Hier benötigt man den Ausweis nur als Zusatz für den Kauf. Leute, die wirklich sanieren wollen, brauchen den Energieausweis gar nicht. Ich erlebe es immer wieder, dass die einen Energieausweis von mir haben wollen. Dann sage ich nein, wozu denn. Wichtig ist doch, dass ich das Gebäude in Augenschein nehme und die Gewohnheiten und Vorlieben der darin lebenden Bewohner berücksichtige. Wenn jemand z. B. oft für Gäste kocht, Haustiere hält oder Kinder im Haushalt hat, wirkt sich dies natürlich auf seine Energiebilanz aus. Das sollte berücksichtigt werden bei der Erarbeitung eines energetischen Konzepts. Es kommt darauf an, Gebäude und Bewohner als Einheit zu sehen. Da reichen dann oftmals geringe bauliche Veränderungen, um eine große Wirkung zu erzielen. Und die kosten gar nicht viel!
Ein anderes Problem ist die finanzielle Förderung von Sanierungsmaßnahmen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das ich ganz oft erlebe. Ein 60jähriger möchte sein bereits schuldenfreies Haus energetisch modernisieren. Nun sieht er sich mit der Aufnahme eines Kredits konfrontiert, den er erst im hohen Alter getilgt haben wird. Und vielleicht muss er aus gesundheitlichen Gründen noch vor der Tilgung in ein Altersheim umziehen. Soll er die Schulden dann seinen Erben hinterlassen? So etwas macht keinen Sinn. Die Leute sind motiviert, etwas für sich und die Umwelt zu tun. Das sollte man auch von Seiten der Banken unterstützen. Hier müssen alternative Finanzierungskonzepte her, die auf die Bedürfnisse der Leute zugeschnitten sind.
Kenntnisse von Baumaterial und Bauphysik sind wichtig
Ganzheitliche Energiekonzepte gibt es seit den 70iger Jahren. Die Baubiologie setzt sich seit Jahrzehnten für "Gesundes Bauen und Wohnen" ein. Die Verwendung von umweltverträglichen Baumaterialien gehört für sie zum Standard.. Heute scheint das Allheilmittel darin zu bestehen, vor allem die Hausfassade zu dämmen. Ob dahinter ein ausgereiftes energetischen Konzept steht, ist fraglich. Welche Auswirkungen wird das häufig zu beobachtende Dämmen von Fassaden haben? Auf die bauliche Substanz? Auf unser Wohnverhalten bzw. Wohngefühl?
Das ist ganz einfach. Kaputt werden unsere Häuser gehen! Man sollte genau überlegen, welches Material zum Dämmen verwendet wird. Perlit, EPS, Vakuumdämmung, Mineralwolle. Jeder Dämmstoff verhält sich anders. Es gibt so viele Alternativen. Auch die Stärke der Dämmung sollte genau geprüft werden. Die Frage muss sein: was ist erforderlich und sinnvoll. Was auch gemacht werden sollte, ist eine Nachkontrolle nach drei Jahren. Nach meiner Erfahrung, weiss jeder gute Handwerksmeister über die fachgerechte Ausführung der Dämmarbeit Bescheid und kann Ihnen Auskunft geben. Auch über die möglichen negativen Konsequenzen sind gutausgebildete Handwerker informiert. Unbedingt muss auch der Bewohner mit in den Prozess einbezogen werden. Er muss darüber aufgeklärt werden, welche Veränderung im Wohnverhalten eine Dämmung mit sich bringt. Man muss sich den Sanierungsprozess eines Hauses mal als Waagschale vorstellen. Verändert man auf der einen Seite etwas, muss man auf der anderen Seite auch etwas machen. Mache ich es nur einseitig, dann kippt das Ganze. So verhält es sich auch mit dem Dämmen einer Fassade. Sonst haben sie in einigen Jahren Schimmelpilzbefall. Wenn Sie sehen, wie flächendeckend gedämmt wird, kann man ahnen, wie viele Schimmelpilzvorfälle wir bekommen werden.
Ökologische Gebäudesanierung funktioniert branchenübergreifend
Fachübergreifend zusammenzuarbeiten ist immer positiv. Wird das umfassende Regelwerk der DIN 18599 dazu führen, das bisher separat von einander arbeitende Berufe zusammenarbeiten? Z. B. Architekten mit Baubiologen und Gebäudetechniker.
Als beratender Baubiologe arbeite ich seit 20 Jahren mit Kollegen zusammen, seien es Architekten, Bautechniker oder Handwerker. Ohne Fachwissen von anderen kann man keine ganzheitliche Energieberatung durchführen. Daher denke ich, dass branchenübergreifende Zusammenarbeit dringend gefördert und gefordert werden sollte. Die Möglichkeit, sich auszutauschen, darf man auch nicht unterschätzen. Ich habe lange in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Ich weiss, wie wichtig es ist, sich mit anderen Meinungen auseinander zu setzen. Sie kommen so auch auf andere Lösungen. Sich abschotten bringt überhaupt nichts.
Der Energieberater muß unabhängig beraten
Zur letzten Frage. Wie überzeugen Sie die Leute davon, in den Bau eines ökologischen Hauses zu investieren?
Ein Haus ist für einen Menschen ein ganz spezieller Ort. Hier sucht er Geborgenheit und Schutz. Da ist es doch nur selbstverständlich, wenn er sich hier wohlfühlen möchte - und auch muss. Farben und Materialien sind dabei ein ganz wichtiges Kriterium. Viele Leute wundern sich, warum sie über Jahre nicht richtig schlafen oder ständig Kopfschmerzen haben. Das hat alles oberflächlich nichts mit Energieberatung zu tun, gehört aber mit in die ganzheitliche Betrachtung. Produkt- und Materialkenntnisse sind daher ganz wichtig für einen Energieberater. Wenn ich die Zusammensetzung eines Produkts nicht kenne, kann ich auch nichts über seine Wirkung sagen. Ich kann auch nicht bestimmen, für wen und wozu das Produkt geeignet ist. Hochglanzprospekte von Herstellern taugen hier überhaupt nichts. Die sagen meistens nichts wesentliches aus. Meiner Meinung nach müssen viel mehr unabhängige Produktschulungen stattfinden, auch für Architekten und Ingenieure. Nur dadurch kann man objektiv entscheiden.Genauso verhält es sich mit dem bauphysikalischen Know-How. Wer hier keine fundierten Kenntnisse besitzt kann keine qualifizierte Energieberatung durchführen. Schulungen und noch mal Schulungen sind hier nötig. Wer die Leute in energetischen Fragen professionell berät, kann sie auch davon überzeugen, in eine ökologische Sanierung zu investieren.
Herr Fischer, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
