"Bei Dachgauben mache ich ungern ein Häkchen"
Die Hamburger Diplom-Ingenieurin Nicole Meine berichtet über die Schwierigkeiten einer präzisen energetischen Gebäudeanalyse
Für den Laien besteht ein Haus zunächst nur aus Mauern, Dach, Sohle, Fenstern und Türen. Funktioniert alles, ist die Welt in Ordnung. Erst wenn die Heizkostenabrechnung spürbar den Geldbeutel belastet, steht das Haus auf dem Prüfstand. Dann soll eine Energieberatung dabei helfen, die Kosten in den Griff zu bekommen.
Jedes Haus ist anders
Für die Architektin und Energieberaterin Nicole Meine ist ein Haus keine so einfache Angelegenheit, denn jedes Element trägt Schwachstellen in sich und birgt raffinierte Details, die erst bei der energetischen Gebäudeanalyse erkennbar werden. Aus Erfahrung weiß sie, dass nur eine ganzheitliche Betrachtungsweise des Gebäudes Aufklärung über den tatsächlichen Energiebedarf gibt. "Wenn ich für einen Kunden eine Energieberatung durchführen soll, muss ich das Gebäude in Augenschein nehmen, sonst kann ich keine Aussagen machen", so ihr unbedingter Ansatz. "Jedes Haus ist anders und muß individuell betrachtet werden. Das Baujahr allein und dessen Bestandspläne sagt wenig aus", stellt sie fest. "Wenn zum Beispiel an einem Haus, das in den 50iger Jahren gebaut worden ist, im Laufe der Jahrzehnte zwei Anbauten und diverse Moderniserungen vorgenommen wurden, muss ich es ganz anders analysieren und bewerten, als wenn es "nur" ein Haus aus den 50iger Jahren ist. Hier sehe ich Probleme bei der Umsetzung der EnEV 2009, da diese die Energieberechnung über Vergleichs- bzw. Referenzobjekte anstrebt."
Man sollte sich immer absichern
Doch die exakte Vorgehensweise der Energieberaterin kennt ihre Grenzen, wenn es darum geht, die erhobenen Daten per Software-Programm zu verarbeiten. Hier scheint die Technik bei weitem nicht der Präzision von Ingenieuren gerecht zu werden. "Je nachdem, welches Programm man benutzt, erhält man Abweichungen in nicht ganz unerheblicher Höhe. Das muss einem klar sein". Soll heißen, gibt man die gleichen Daten in eine andere Software zur Berechnung ein, erhält man höchst wahrscheinlich ein anderes Ergebnis. Die Abweichungen können bis zu 10 % betragen! Die Architektin geht daher einen sicheren Weg. "Man sollte sich immer absichern und in dem Gutachten vermerken, mit welcher Software man gearbeitet hat". Denn sie ist rechtlich verantwortlich für die ermittelten Daten - und kann dafür haftbar gemacht werden. Kommt im Falle eines Rechtsstreits ein zweiter Ingenieur, der mit einer anderen Software arbeitet, zu einem abweichenden Ergebnis, ist ihre Angabe, mit welchem Programm sie gearbeitet hat, unter Umständen Gold wert. Das juristische Nachspiel wird auch dadurch nicht abzuwenden sein, aber das Risiko der Haftung hält sich deutlich in Grenzen.
Hieran wird die Krux deutlich, mit der die energieberatende Branche derzeit zu kämpfen hat: zahlreiche Berechnungsprogramme tummeln sich auf dem lukrativen Markt der technischen Software. Welches Programm zur Berechnung benutzt wird, ist nicht verbindlich vorgeschrieben, es sei denn bei der Berechnung für den Hamburger Energieausweis.
Gebäude lassen sich nicht typologisieren
Dies auch vor dem Hintergrund der neuen EnEV 2009 und der ab 1. August 2008 geltenden Hamburger Klimaschutzverordnung, die noch strengere Maßstäbe an den energetischen Bedarf von Gebäuden anlegen. Positiv bewertet die Architektin die darin enthaltenen Regelungen zur Wärmeschutzverordnung und die Anhebung der U-Werte. Sie weiß aber auch, dass die Umstellung des Berechnungsverfahrens in der EnEV 2009 zur Zeit höchstwahrscheinlich nicht fehlertolerant umgesetzt werden kann. Zum Einen müssen sämtliche Berechnungsprogramme kurzfristig umgestellt werden und, viel wichtiger, der Anwender muß wissen, wie er mit dem Programm umzugehen hat. Zum Anderen sieht die Architektin Probleme bei der Umsetzung mit Referenzobjekten. "Gebäude lassen sich nicht typologisieren, insbesondere kleine, über die Jahre veränderte Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Zur Zeit kann man zum Beispiel für Dachgauben ein "Häkchen" machen und sie somit Pauschal ansetzen. Ich sehe darin ein Problem, da hier das Ergebnis verfälscht wird. Insbesondere der minimale Wand- und Dachaufbau von Gauben sollte in einer detaillierten Energieberechnung mit aufgenommen und auch Sanierungsvorschläge gemacht werden. Da diese bei der anschließenden Sanierung im schlimmsten Fall einfach vergessen bzw. vernachlässigt werden. Ich persönlich mache hier kein "Häkchen" und nehme die Dachgauben detailliert auf."
Für die energieberatenden Ingenieurberufe werden die kommenden Jahre also spannend sein. Wie läßt sich die Präzisionsarbeit einer Ingenieursleistung mit dem Druck des Marktes vereinbaren, schnellstmöglich eine energiesparende Lösung zu bieten? Hinzu kommt, dass die juristische Erarbeitung des gesamten Themenspektrums noch Neuland ist. Wegweisende Prozesse hat es bislang nicht gegeben. Aber sie werden kommen - dessen ist sich die Architektin sicher.